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Bundestagswahl 2017

Ob Demokratie und Kirche zusammenpassen, ist bis heute umstritten

Kirchenwahl 2015

Kirchenwahl 2015

Jede und jeder kann in Glaubensdingen mitreden. Das ist Stärke und Schwäche, Lust und Last, jedenfalls ein Markenzeichen des Protestantismus. In der evangelischen Kirche entscheidet nicht einer von oben herab. Gewählte Kirchenvorstände und Synoden leiten die Gemeinden und Landeskirchen. Das war nicht immer so. Mit der Demokratie haben Protestanten lange gefremdelt.

Von Martin Vorländer

Manchmal ist es gut, auf den Rat des Schwiegervaters zu hören. Jitro konnte nicht länger mit ansehen, wie sein Schwiegersohn Mose unter der Last der Verantwortung in die Knie geht. Jedes Problem sollte Mose lösen. Jitro nahm seinen Schwiegersohn beiseite. „Es ist nicht gut, wie du das tust. Du machst dich zu müde, dazu auch das Volk.“ (2. Mose 18, 17) Sein Rat: Mose soll sich Helfer wählen und die Aufgaben verteilen. „Mose gehorchte dem Wort seines Schwiegervaters“, notiert die Bibel. Die Geburtsstunde von Coaching und Machtverteilung. 

Gottes Geist wird auf viele verteilt

Dieses Erfolgsmodell erhält Segen von ganz oben. Gott selbst gibt Mose das Mandat, 70 Älteste zu versammeln (4. Mose 11). Auf sie verteilt Gott den Geist, der zuvor allein auf Mose lag. Geistesvollmacht ist kein Monopol eines Einzelnen. Das gibt Gott den Israeliten am Berg Sinai mit Brief und Siegel: „Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern sein.“ (2. Mose 19, 6) Biblisches Original für das protestantische Prinzip des Priestertums aller Getauften: Jeder Christenmensch hat Zugang zu Gott und geistliche Vollmacht. Das stärkt die individuelle Verantwortung für den eigenen Glauben sowie für die Kirche. 

Debattenkultur gehört von Anfang an zur Kirche

Die christliche Gemeinde ist nicht immer ein Herz und eine Seele. Wer bestimmt im Streitfall, wo es lang geht? Das Problem kennt schon die junge Christenheit. Für Petrus und die Jerusalemer Urgemeinde war klar: Wer Christ werden will, muss zuvor Jude sein, also nach den Geboten der Thora leben, als Mann sich beschneiden lassen. Paulus hingegen sah seine Mission darin, den christlichen Glauben in die nicht-jüdische Welt zu tragen. Christus hat vom Zwang des Gesetzes befreit, so seine Überzeugung. Die Beschneidung sei keine Heilsvoraussetzung.

Eine Grundsatzfrage, zu der die Heilige Schrift nichts sagt. Auch von Jesus ist dazu kein Gebot überliefert. Nun hätte man sagen können: „Der Oberhirte Petrus hat gesprochen, die Sache ist entschieden.“ Stattdessen berief die Urgemeinde das erste Konzil der Kirchengeschichte ein. Die Kontrahenten kamen in Jerusalem zusammen und haben „lange gestritten“ (Apostelgeschichte 15). Debattenkultur gehört von Anfang an zur Kirche. Man fand einen Kompromiss: Christen, die zuvor keine Juden waren, sollten gewisse Speisegebote halten. Die Beschneidung aber war vom Tisch. Wegweisender Beschluss eines Parlaments im christlichen Sinn: einer Versammlung derer, die frei reden und den Heiligen Geist wirken lassen.

Mitbestimmung auch ohne Madat

Die Konzilsidee geriet im Laufe der Kirchengeschichte oft ins Hintertreffen. Aber sie blieb wach. Freilich versammelten sich zu Konzilien nicht allgemein und frei Gewählte, sondern die Bischöfe der Ortskirchen. Mal wurde intensiv um die Wahrheit gerungen, mal ging es um Machtinteressen. „Auch Päpste und Konzilien können irren“, sagte 1519 Luther und stellte damit die Autorität der Kirche in Frage. Ein Einzelner hat den Mut, Missstände zu benennen. Jede Demokratie tut gut daran einzubeziehen, dass auch jemand ohne Amt und Mandat das rechte Wort zur rechten Zeit sprechen kann. Dieses Moment war in der evangelischen Kirche während des Nationalsozialismus von Bedeutung. Während die regulär eingesetzten Kirchenleitungen und Synoden Hitler gegenüber kuschten oder „kuschelten“, formulierte die un-ordentliche Synode in Barmen ein klares Bekenntnis: Dem Wahn vom Herrenmenschen zum Trotz hat die Kirche keinen anderen Herrn außer Christus.

Zurück ins 16. Jahrhundert. Luther widersprach einer reinen Pfaffenkirche und forderte 1523, „dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu urteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen“. Tatsächlich begann die Reformation vielerorts damit, dass die Gemeinde bei der Besetzung der Pfarrstelle mitreden und einen Priester haben wollte, der das Evangelium reformatorisch predigt. 

Demokratie stößt in der Kirche an Grenzen

„Demokratie ist in der Bibel kein Thema“, schreibt Eberhard Pausch von der Evangelischen Akademie Frankfurt. Demokratie stoße in der Kirche an Grenzen. Die Kirche könne nicht darüber abstimmen, ob sie an Christus glaubt oder nicht. Der Auftrag der Kirche, das Evangelium zu verkünden, ist nicht diskutabel. Über das Wie lässt sich demokratisch streiten. Es gibt hervorragende Gründe, warum Demokratie der Kirche entspricht: Im Sinne des Priestertums aller Getauften soll jeder Christenmensch sich in der Kirche beteiligen können. Seit Paulus gilt: „Hier ist nicht Sklave noch Freier, nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt eins in Christus Jesus.“ (Galater 3, 28) Dieser christliche Gleichheitsgrundsatz lässt sich durch Demokratie gut verwirklichen.

Demokratie ist „die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind“, wird Winston Churchill zitiert. Die Bibel beschreibt, wie Gott Menschen mit seinem Geist bevollmächtigt. Einzelne ebenso wie das ganze Volk. Mit dem Heiligen Geist muss die Kirche immer rechnen. Der weht, wann und wo er will.


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